Ausstellung und Grundsätzliches
KI – Kunst oder Zufall
Vortrag von Jürgen Adamek im Kunstverein Uelzen
Was Kunst ist und was keine Kunst ist werden wir hier nicht entscheiden, zumal der Begriff stetig Weiterungen erfährt und morgen schon als Kunst gelten kann, was heute noch wie ein Zufall wirkt. Aber einen kleinen gemeinsamen Nenner abseits von Moden, Stilen, Techniken und Epochen gibt es: Kunst ist etwas originär Menschliches. Das Thema, das mir der Kunstverein gestellt hat, „KI - Kunst oder Zufall“ ist insofern irreführend, weil viele Bilder des 20. Jahrhunderts zufällig entstanden sind, beim action painting und seinen Nachfolgern. Mehr Zufall als Jackson Pollock und Mark Rothko schafft keine KI.

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Wie entstehen KI-Bilder und Texte? Software-Algorithmen setzen aus einer unvorstellbaren Menge zusammengeklaubter Bilder oder Texte milliardenfach neue zusammen. Midjourney, für mich der beste einer Handvoll ernst zu nehmender Bildgeneratoren, schöpft aus einem Reservoir von mehr als sechs Milliarden Fotos. Fast alle sind geklaut. Weltweit automatisch extrahiert von Internetseiten, öffentlichen wie privaten, oder eingescannt aus Zeitschriften und Büchern von billigen Hilfskräften in Entwicklungsländern. Die Urheber dieser Beutebilder erfahren in den seltensten Fällen, dass die Software sich ihrer Fotos oder Bilder bedient hat, deshalb sollte keiner von KI-Kunst sprechen, sondern allenfalls von KI-Raubkunst.
Die Bildgeneratoren bieten ihrem Nutzer ein Textfeld, den Prompt, in das er am heimischen PC eintippt, was er als Bild errechnet haben möchte. Etwa ein Bild im Stil alter Meister, denn in der Kunstgeschichte kennt sich Midjourney hervorragend aus, vermutlich, weil das Programm sämtliche Internet-Präsentationen von Museen abgegrast hat. Auf der Webseite finden sich viele Beispiele dafür.
„Ein Paar im Stil von Jan Vermeer“ oder „eine üppig gedeckte Obsttafel in einem Schlösschen am Comer See“, oder „ein barocker Blumenstrauß“ oder „Zwei Katzen im Stil von Joan Miró“, oder „Ein Berliner Kiosk im Stil der 30er Jahre mit Passanten und Plakaten“, oder „eine feine Käsetafel“ oder „Werbefotos für Müsli“. Ganze Kampagnen lassen sich so am Computer gestalten – Werbeagenturen würden dafür eine hohe fünfstellige Summe bezahlen.
Diese Aufzählung ließe sich nämlich endlos fortsetzen. Errechnet werden die Bilder eben nicht am heimischen Computer, sondern via Internet in gigantischen amerikanischen Rechenzentren mit dem Strombedarf einer Kleinstadt. Nicht zuletzt deshalb steht der KI-Hype in der Kritik. Der PC zuhause ist nur die Schreibmaschine für die Rechenzentren in den USA. Er muss nicht selbst rechnen – und das ist ein wesentlicher Grund für den KI-Hype. Die Technik ist alt und Ihnen allen aus Film und Fernsehen bekannt. Filme mit digital geschaffenen Figuren oder Tieren gibt es schon lange. Dafür waren aber noch Hunderte von Spezialisten und teure Rechenanlagen notwendig. Heute können Sie das von zuhause aus erledigen – genau das ist das Sensationelle an der Technik. Jeder von ihnen kann an seinem Computer KI-Bilder beauftragen, die Programme sind wohlfeil und schon nach kurzer Einarbeitung bekommt man ansehnliche Ergebnisse – aber nicht immer die, die man sich vorgestellt hat und die man haben wollte. Midjourney zum Beispiel liefert binnen maximal einer Minute vier unterschiedliche Vorschläge, die mehr oder weniger den Vorgaben im Prompt folgen. Allein das ist schon ein Indiz dafür, dass der Zufall beim Errechnen der Bilder eine bedeutende Rolle spielt. Es gibt noch einen weiteren Einfluss auf die Ergebnisse, der oft übersehen wird: Die KI muss irgendwo eine Vorlage gefunden haben. Ich rauche jeden Abend eine Pfeife. Als ich von Midjourney ein Bild eines Pfeifenrauchers haben wollte, war das Programm über Wochen nicht imstande, eines zu schaffen. In den USA gibt es sehr wenige Pfeifenraucher und offenbar kaum Fotos von ihnen. Jedenfalls hatte Midjourney keines – und konnte deshalb auch kein Bild machen. Das war Mitte 2024. Inzwischen gibt es offenbar Pfeifenraucher-Vorlagen. Als ich mich jüngst wieder bemühte, Pfeifenraucher zu erzeugen, hatten alle einen Bart . . .
Lustige Missverständnisse zwischen der Software und mir gibt es viele. Ein Freund wünschte sich ein Bild eines auseinandergenommen VW-Käfer-Cabrios. Midjourney lieferte binnen Sekunden vier Bilder: Zwei zeigten Käfer-Cabrios, zwei zeigten Raumfahrzeug ähnliche Gebilde mit vielen feinen Details, die mit einem Käfer rein gar nichts gemein haben. Wieder Zufall. An anderen Missverständnissen bin ich selbst schuld. Ich wollte das Bild einer Frau nachbauen, das auf einem Hirsch durch Paris reitet. Statt „deer“ gab ich aber mehrfach „dear“ ein und wunderte mich, warum das Mädchen auf einem Schaf daherkommt. Neben meinem Esstisch hängt die Kopie eines Gemäldes von Edward Hopper. Es heißt „Nighthawks“ und zeigt Nachtschwärmer in einer amerikanischen Bar. Ich wollte das Bild im Stil von Henry Matisse haben und bekam komische Vögel in einer Bar. Die Software hat „Matisse“ und „Bar“ in Stil und Motiv umgesetzt – aber was ich nicht bedacht habe: „Hawks“ heißt „Falken“, und als ich das begriffen hatte, wunderte ich mich nicht mehr darüber, dass auf den Bildern, die die Software ausspuckte, lauter Vögel saßen.
Ich bin Journalist und viel herumgekommen. Den Besuchern meiner Ausstellungen wollte ich ein paar Erfahrungen nicht vorenthalten. Bilder, die vermeintlich im syrischen Bürgerkrieg aufgenommen worden sind, in Flüchtlingslagern und nach einem Raketenangriff in Kiew beeindruckten und rührten die Besucher – bis ich ihnen erklärt habe, dass sie allesamt an meinem Schreibtisch entstanden sind. Ich war weder in Syrien noch in Kiew . . . Ich wollte meine Gäste nur warnen: Traut nie wieder einem Foto!!! In einer Koje meiner Ausstellung in Mölln zeigte ich ein Dutzend nicht gekennzeichneter Bilder, die Hälfte waren Fotos, die andere waren KI-Bilder. Wer während meiner Führungen die echten Fotos erkannte, konnte Marzipan gewinnen. Es gab nur einen einzigen Gewinner unter den etwa 120 Führungsteilnehmern – und ein paar, denen ich etwas geholfen habe.
Täuschend echt aussehende Fake-Bilder sind die eine ernst zu nehmende Gefahr, die von der gewissenlosen Nutzung der KI-Bildgeneratoren ausgeht. Unverzichtbar sind deshalb internationale Vereinbarungen darüber, dass KI-Bilder gekennzeichnet werden müssen – und zwar von den Softwarefirmen direkt im Rechenprozess – quasi als unentfernbares Wasserzeichen. Die zweite Gefahr ist ungleich größer. Mitte 2026 ist die EU im Endspurt hin zu allgemein gültigen Regeln. Ob sie die durchsetzen kann, vor allem außerhalb Europas, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Es ist eben nicht die immer wieder ins Feld geführte Verlust von Jobs im grafischen Gewerbe. Grafiker und Fotografen haben längst gelernt, die Stärken der KI-Software zu nutzen. Die zweite große Gefahr ist, dass wir allmählich verblöden. Nachrichtenportale, Zeitschriften und das Internet sind voll von glatten harmlosen Bildchen. Fachleute gehen davon aus, dass mindestens zwei Drittel von ihnen KI-Schöpfungen sind. Viele sind schön, unkompliziert und stehlen sich wie Kitsch ohne Umwege über den Verstand in unser Bewusstsein, sie werden unseren Kunstgeschmack schleichend so verändern, wie TikTok Ansprüche und Aussehen der Teenager verändert hat: Glatt, schlank und niedlich. Wir werden entweder keine Lust mehr haben oder wir werden verlernen, kompliziert Kunstwerke zu entschlüsseln, sie verstehen zu wollen, sie zu hinterfragen und uns überraschen zu lassen.
Der Ergebnisse, die die Bildgeneratoren liefern, hängen stark vom Text ab, den man in den Prompt eingibt. Er muss logisch strukturiert sein, in einfacher Sprache – am besten auf Englisch – und er muss Details enthalten, die Sie zu sehen wünschen. Dafür gibt es sogar einen neuen Berufszweig im grafischen Gewerbe, den Promptologen. Der hat tausendmal geübt und wahrscheinlich inzwischen so viel Erfahrung, dass er wenigstens halbwegs das bekommt, was er sich vorstellt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass alles, was die Software errechnet, erstens zusammengestohlen ist und zweitens eben doch zufällig, weil die wiederholte Eingabe desselben Prompt-Textes immer wieder andere Ergebnisse liefert. Es gibt keine zwei exakt gleichen KI-Bilder. Deshalb ist jedes KI-Bild, das Sie auf ihren Rechner laden, quasi ein Original, vergleichbar mit einem Foto-Negativ oder einer Druckplatte. Viel werden Sie davon aber nicht haben, weil KI-Bilder nicht durch ein Copyright geschützt werden. Jeder kann sie aus dem Netz, das überflutet ist von KI-Schund, herunterladen und seinerseits veröffentlichen. Ich könnte auch nichts dagegen tun, wenn Sie Fotos von meiner Internetseite stehlen. Die EU hat dankenswerter Weise schon vor Jahren zumindest in einer Hinsicht für klare Verhältnisse gesorgt: KI-Bilder genießen kein Urheberrecht, weil sie keine Kunst sind. Die Auffassung hinter diesem Statement: Kunst ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit. Nur Menschen können durch ihre Fantasie und durch ihre Fähigkeiten, ihre Vorstellungen auch zu realisieren, Kunst schaffen – sei es durch Stift, Pinsel, Meißel, Installationen, Noten oder elektronische Geräte. KI ist eben kein bloßes Werkzeug zeitgenössischer Künstler, dazu ist sie zu unberechenbar – selbstbewusst.
Ich halte übrigens auch 99 Prozent der sogenannten Fotokunst allenfalls für gelungenes Handwerk und mitnichten für Kunst. Das Erkennen oder Aufspüren eines Motivs und die Abbildung desselben sind Grundvoraussetzung für das Gewerbe eines Fotografen. Ein Foto kann zum Kunstwerk werden, wenn es bewusst gestaltet ist – durch Posen, Kostüme, Kulissen und eine handwerklich makellose Lichtführung. Das millionste Bild eines Sonnenuntergangs mag schön sein - mit Kunst hat es nichts zu tun.
Bei meinen Ausstellungen meldeten sich immer wieder Besucher, die sagen: Die Bilder sind doch soooo schön, das muss doch Kunst sein. Nein, Kunst darf, sollte auch sperrig sein, herausfordernd, schwierig. Bei meiner Ausstellung im April 2025 in Mölln habe ich gleich neben die Eingangstür ein DIN-A-1-Plakat gestellt. Darauf stand ganz oben „Dies ist keine Kunstausstellung und ich bin kein Künstler“. Darunter habe ich meinen Standpunkt erklärt und damit waren die Künstler beruhigt. Wie ich später erfahren habe, hat es im Kunstverein Lauenburg, der gemeinsam mit der Stadt Mölln die Ausstellung veranstaltet hat, im Vorfeld intensive Proteste gegen meine Ausstellung gegeben. Ich meine, dass die Künstler Angst vor der Konkurrenz der Algorithmen hatten. 850 Besucher waren da, am Ende waren alle zufrieden und die Künstler versöhnt.
Heute würde ich das Plakat nicht mehr so schreiben. Die Entwicklung der bildgebenden KI geht weiter und immer mehr Fotografen entdecken mit der KI Mittel, ihre Bilder zu bearbeiten und ihren gestalterischen Horizont zu erweitern. Sie kombinieren ihre gestalteten Fotos und KI – und heraus kommt etwas völlig Neues, etwas doppelt Gestaltetes. Noch sind die Fotokünstler rar, ihre Arbeiten erregen Aufsehen – aber das scheint eine Möglichkeit, Kunst und KI zu versöhnen.
Um auf den Titel des Vortrages zurück zu kommen: Die allermeisten KI-Bilder werden noch vom Zufall beherrscht. Aber die Programme lernen, die Befehle des Menschen besser zu befolgen und die Menschen lernen, bessere Befehle zu schreiben. So wird der Zufall künftig eine weniger große Rolle spielen. Kunst wird aus so einer Bildschöpfung dadurch allein noch nicht, sie bedarf unabdingbar einer menschlichen Schöpfung als Basis.
Ich selbst mache seit Januar 2026 keine KI-Bilder mehr. Auch wenn ich selbstkritisch 90 Prozent dieser Schöpfungen wegwerfe, sind mir die Ergebnisse immer noch zu beliebig im breiten Strom Tausender Wegwerfbilder. Ein Bild mit exakt dem gleichen Prompt hätte anderntags ganz anders ausgesehen – und zwar ohne, dass ich das Ergebnis beeinflusst hätte. Wenn Maler dasselbe Motiv ein Dutzend Mal malen, ist das Ergebnis auch jedes Mal ein anderes. Aber die Variation hat der Maler selbst beeinflusst.
Die Fotos entstanden beim Hängen meiner Ausstellung im Alten Rathaus von Mölln und bei der Vernissage.










